László Ervin: Was für die Biosphäre gut ist, das ist auch für uns gut
2009. 06. 23.
Auf ein gemeinsames Vorgehen von Zivilen und Wissenschaftler dringt Philosoph László Ervin (76 Jahre), laut dem die globale Katastrophe noch verhindert werden kann, vorausgesetzt, dass die einer nachhaltigen Zukunft verpflichteten Menschen, die fähig sind, auf individuelle Interessen zu verzichten, die Mehrheit bilden.

HVG: Die Menschheit ist an einen Scheideweg gelangt, nur weiß man noch nicht, ob das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts das letzte, sich auflösende Jahrzehnt der alten Welt oder die erste Dekade einer völlig neuen Welt sein wird – schreiben Sie in ihrem gerade erschienenen Buch. Ihrem "Kollegen", dem britischen Wissenschaftler James Lovelock, dem Vater der Gaia-Hypothese zufolge ist die Welt schon umgekippt und bricht rettungslos zusammen. Wie ernst sollten wir diese Theorien nehmen, während die Tatsachen zeigen, dass sich beispielsweise auch die mit der Jahrtausendwende verbundenen Ängste nicht bewahrheitet haben?

L. E.: Wenn Lovelock Recht hat, dann ist wirklich nichts zu machen. Doch ist es überhaupt nicht sicher, dass wir in eine Endphase gelangt sind. Unabhängig davon meinen viele, Wissenschaftler und Mystiker gleichermaßen, dass es 2012 große Veränderungen geben wird. Astronomen zufolge wird beispielsweise die Sonnenaktivität sehr stark sein, an einigen Herbsttagen wird man sogar den Flugzeugverkehr einstellen müssen. Wovon ich spreche, das ist nicht mehr und nicht weniger, als dass es in allen Gesellschaften schnelle Veränderungen gibt, wenn sich in einer größeren Gemeinschaft ein Art kritische Instabilität herausbildet. Wer hat beispielweise Anfang 1989 vorausgesehen, was ein paar Monate später in der Osthälfte Europas geschehen wird? Darauf vertrauen, dass die eintretenden globalen Veränderungen durch irgendein Wunder zum Nutzen der Menschheit gedeihen werden, ist eine riesige Verantwortungslosigkeit. Es gibt keine Garantie dafür, dass, wenn große Veränderungen kommen, die Menschheit diese überlebt.

HVG: Fühlen Sie nicht, dass, während es in Wissenschafterkreisen schon trendy geworden ist, die Klimaveränderung und globale Krise zu erörtern, die Menschen beginnen, immun für das Thema zu werden?

L. E.: Gandhi sagte sehr geistreich, dass, wenn jemand etwas Neues sagt, er zuerst gemieden, später dann angegriffen wird und ihm schließlich mitteilt wird, dass wir das schon immer wussten. Den Angriff haben wir schon hinter uns und ich sehe es so bzw. hoffe darauf, dass die Sensibilität immer mehr zunimmt. Die Menschheit als moderne Kultur handelt seit wenigstens zehntausend Jahren auf nachhaltige Weise. Eine Zeit lang konnten wir unsere Fehltritte mit modernen Technologien korrigieren, doch erreichen wir sehr bald den Punkt, an dem es keine Korrekturmöglichkeit mehr geben wird. Früher dachten wir, wenn wir das Abwasser in den Fluss kippen, dann verschwindet es; wenn wie die Kohle verbrennen, wird sie aufgelöst, vernichtet. Dann haben wir verstanden, dass alles mit allem zusammenhängt und was auf diesem Planeten passiert, auch auf uns zurückwirkt. Unsere Generation muss die Nachhaltigkeit wiederherstellen.

HVG: Können Sie sich vorstellen, dass ein radikaler Wechsel in Richtung Nachhaltigkeit allein dadurch zustande kommen kann, dass die Gesellschaft von diesem Gedanken durchtränkt wird oder ist eine globale Krise notwendig?

L. E.: Ich fürchte Letzteres und hoffe das Erste. Wenn wir die Krise abwarten, dann wird es schwerer werden, etwas zu ändern, als wenn wir jetzt etwas tun würden.

HVG: In Ihren Schriften und Vorträgen entfernen Sie sich häufig von der exakten Wissenschaftlichkeit, man könnte auch sagen, dass Sie Ihre Ansichten in eine Art spirituelle Dimension stellen. Womit erklären Sie, dass die Gemeinschaft der Wissenschaftler Sie ernst nimmt und Ihr Werk anerkennt?

L. E.: Ich sage nur, dass es Prozesse in der Natur gibt, die – selbst wenn sie so aussehen – nicht nach der Logik zufälliger Mechanismen funktionieren. Im Übrigen bin ich kein professioneller Philosoph. Ich kümmere mich nicht darum, was man über mich denkt, es interessiert mich nur, was ich für richtig halte, was ich als wahr ansehe. Ich definiere mich selbst gewöhnlich so, dass ich ein homo bin, der ein sapiens sein möchte.

HVG: Aufgrund Ihrer Theorien scheint es fast so, dass Sie eine neue, zum Teil auf naturwissenschaftlichen Grundlagen beruhende Religion geschaffen haben...

L. E.: Ich selbst bin im traditionellen Sinne nicht religiös, ich glaube nicht an die Existenz eines übernatürlichen personifizierten Gottes, gleichwohl kann meine Theorie schwer abgelehnt werden, weil sie auf den neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen beruht. Beispielsweise wurde in der Quantenphysik die Nichtlokalität entdeckt. Es hat sich herausgestellt, dass es eine wirkliche Verbindung zwischen zwei, voneinander auch mehrere zehntausend Kilometer entfernte Teilchen im Quantenzustand gibt. Nun, in den letzten 10-15 Jahren bin ich darauf gekommen, dass es ähnliche Wirkungen auch in der Natur, ja sogar im Universum gibt. Auch in der Psychologie ist die Erscheinung seit langem bekannt, dass Zwillinge – selbst wenn sie weit entfernt sind – spüren, was mit dem Bruder oder der Schwester ist. Meiner Meinung nach stehen auf der Erde alle Menschen, wenn auch nicht mit ähnlicher Stärke, doch irgendwie in Verbindung miteinander. Zu solchen Sachen sagen die Wissenschaftler im Allgemeinen, das ist Zufall oder es gibt dafür keine Erklärung. Ich sage, lasst uns eine Erklärung dafür finden. Meiner Ansicht nach verbindet die Menschen ein Informationsfeld, ein solches, wie beispielsweise die Gravitationskraft oder das elektromagnetische Feld, die wir mit bloßem Auge nicht sehen, sondern nur seine Wirkungen spüren.

HVG: In der modernen, westlichen Gesellschaft glauben viele nicht an Übernatürliches, trotzdem denken sie, dass es eine gute Sache ist, etwas Gutes zu tun, selbst für sie fremde Personen. Warum sehen Sie irgendeine Verbindung von Spiritualität und Umweltschutz als Ihre Aufgabe an?

L. E.: Man kann die Welt rein rational erfassen, doch man kann es auch auf sehr intuitive Weise tun. Interessant ist, dass, wenn wir aus beiden Richtungen starten, zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangen. Meiner Meinung nach gibt es keinen wesentlichen Widerspruch zwischen den zwei Weltanschauungen: die Religionen wurden ursprünglich gerade aus einer spirituellen Sicht und – erst heute sehen wir es wirklich – einer Art wissenschaftlicher Erkenntnis geboren. Solange der Mensch auf der Basis von Darwin und Adam Smith tätig ist, dass es, wenn ich für mich sammle, dadurch automatisch auch für andere gut wird, kann man keine große Änderung erreichen. Immer mehr Menschen verstehen, dass das Gleichgewicht unserer Erde sehr empfindlich ist, leicht umkippen kann und im globalen System jeder irgendeine Rolle hat. Immer mehr Menschen unternehmen auch so alles ihnen Mögliche, dass sie nicht sicher sind, dass ihre Einzelaktion eine ernste Wirkung hat. Sie glauben daran, dass das, was für die Biosphäre gut ist, auch für uns gut sein muss.

HVG: Während Sie in Ihren Schriften die Art von Nationalismus verurteilen, die in erster Linie in erster Linie an die direkten Interessen eines Volkes bzw. Landes denkt, haben Sie Ihren globalen Braintrust – vielleicht als Betonung Ihres Ungartums – Budapest Club genannt. Gibt es hier keinen gewissen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis?

L. E.: Von Anfang an war ich Mitglied des die Überlebensmöglichkeiten der Menschheit erforschenden Clubs of Rome und ich schlug vor, eine Organisation zu schaffen, die mehr Menschen ansprechen kann. Ich hätte gern auch Schriftsteller, Künstler und religiöse Führer in die gemeinsamen Überlegungen einbezogenen. Auf meine Initiative hat die Antall-Regierung sehr positiv reagiert und schließlich entstand unsere Organisation 1993 im Rahmen des Ungarischen Kulturfonds. Die erste Sitzung des Clubs of Rome fand in Rom statt, davon kommt auch der Name, und wir kamen erstmals in Budapest zusammen und so wurden wir der Budapest Club. Die Wahl des Namens habe ich auch deshalb nicht bereut, weil der Name Budapest in der Welt gleichbedeutend ist mit Kreativität.

HVG: In zahlreichen Organisationen mit gut klingendem Namen erscheinen Sie als Gründer oder Sponsor. Würden Sie die Arbeit der Dutzenden Braintrusts und deren Ergebnisse überblicken, wenn Sie nicht Sachverständiger für Systemtheorie wären?

L. E.: Vor kurzem mussten wir eine deutsche Organisation beauftragen, die Tätigkeit unserer Arbeitsgruppen zu koordinieren. Wir halten die Schaffung einer Organisation, die in der Lage ist, viele verschiedene Menschen anzusprechen, deshalb für wichtig, weil wir nicht wissen können, der "Flügelschlag welches Schmetterlings" den Tornado auslöst, aus dem irgendeine größere Veränderung beginnen kann. In wenigstens 15 Ländern gibt es einen Budapest Club, alle halbe Jahre geben wir einen Bericht aus, doch wir hoffen auch auf unsere gerade entstehende Universität.

HVG: Denken Sie nicht, dass der Budapest Club der politischen Befangenheit bezichtigt werden kann? Letztendlich vertreten die Gründer der ihn betreibenden Stiftung – z.B. Iván Vitányi, Péter Zwack, Elemér Hankiss – in den Augen vieler Menschen linksliberale Positionen.

L. E.: Unsere Gründung ist heute schon Geschichte. Die erwähnten Personen sind meine persönlichen Freunde, und damals benötigten wir drei Gründer und ich hatte keine Vorstellung – es hat mich auch nicht interessiert – in welcher Richtung sie Politik betreiben. Die Aufteilung nach Rechts und Links ist übrigens auch eine der Theorien mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, zu denen wir etwas Neues aufzeigen wollen.
Quelle: HVG.HU
 


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